Informationen zum Umstieg vom Rauchen auf E-Zigaretten

KARL-FRANZENS-UNIVERSITÄT GRAZ

INSTITUT FÜR PHARMAZEUTISCHE WISSENSCHAFTEN

Pharmakologie und Toxikologie

Leiter: 0. Univ.-Prof. Dr. Bernhard-Michael Mayer

Humboldtstraße 46/1, A-8010 Graz, Austria

Tel. +43-316-380-5567 Fax +43-316-380-9890 e-mail: mayer@uni-graz.at

Informationen zum Umstieg vom Rauchen auf E-Zigaretten für Konsumenten

 

Offenbar besteht aufgrund diverser Berichte in den Medien bei vielen Rauchern Unsicherheit über

die Vor- und Nachteile des Rauchstopps mittels E-Zigaretten. Im folgenden fasse ich die meines

Erachtens wesentlichen Punkte kurz zusammen.

Tabakzigaretten

In Tabakzigaretten wird pflanzliches Material (Tabak) verbrannt und der entstehende Rauch

inhaliert. Die Schädlichkeit von Rauch ist seit Jahrhunderten bekannt. Deshalb machen Menschen

 

kein Feuer in geschlossenen Räumen ohne Kamin. Neben Kohlenstoffmonoxid (CO), das die Sauer-

stoffversorgung des Körpers behindert und als Verursacher von Rauchgasvergiftungen bekannt ist,

 

enthält Rauch mehre tausend bei der Tabakverbrennung entstehende Stoffe, von denen viele

krebserregend oder anderweitig toxisch sind. Durch die Inhalation von Tabakrauch leiden Raucher

daher chronisch an einer leichten Rauchgasvergiftung und erhöhen ihr Risiko für Lungenkrebs und

andere bösartige Tumorerkrankungen. Außerdem wird die Lungenfunktion beeinträchtigt, was den

 

bekannten morgendlichen Raucherhusten und in manchen Fällen schwere irreversible Lungen-

erkrankungen (Emphysem, COPD) zur Folge hat. Durch Beeinträchtigung des Immunsystems

 

leiden Raucher häufiger an Infektionen, v.a. der oberen Atemwege (Erkältungen, Schleimbildung,

"Schnupfen") als Nichtraucher.

E-Zigaretten

In E-Zigaretten werden Flüssigkeiten (sogenannte Liquids), die - zumeist aber nicht immer - Nikotin

enthalten, durch Zufuhr elektrischer Energie (aus Akkus) erhitzt und der entstehende Dampf,

korrekt als Nebel zu bezeichnen, wird von den Nutzern inhaliert. Nachdem keine Verbrennung

stattfindet, entstehen dabei keine giftigen Verbrennungsprodukte, u.a. also auch kein CO. Bei

üblichem Gebrauch werden die Lösungsmittel (Propylenglykol und Glycerin) ebenso wie die

zugesetzten Geschmack- bzw. Aromast_offe unverändert verdampft. Sowohl Propylenglykol als

auch Glycerin sind harmlose Substanzen, die vom Körper verstoffwechselt werden. Im Dezember

2016 hat die sehr strenge Europäische Chemikalienagentur (ECHA) Propylenglykol, bekannt als

Mittel zur Erzeugung von Nebel in Theatern und Diskotheken, auch bei Inhalation als unbedenklich

eingestuft.

 

Nikotin

Nikotin trägt neben anderen Inhaltsstoffen von Tabakrauch zur Abhängigkeit von Rauchern bei, ist

aber selbst relativ harmlos. Andernfalls hätten Arzneimittelbehörden Kaugummis, Pflaster,

Lutschtabletten und Inhalatoren mit Nikotin nicht für den rezeptfreien Verkauf zugelassen. Nikotin

führt ähnlich wie Koffein kurzfristig zu einer leichten Erhöhung von Herzfrequenz und Blutdruck.

 

Das ist bei Gesunden unbedenklich, könnte aber bei Personen mit schweren Herzkreislauf-

erkrankungen (z.B. Angina pectoris oder überstandener Herzinfarkt) und in der Schwangerschaft

 

negative Auswirkungen haben. In allen Fällen ist aber das Dampfen viel weniger schädlich als die

Inhalation von Tabakrauch. Gesundheitsorganisationen und medizinische Fachgesellschaften

warnen vor der Schädlichkeit von Nikotin in E-Zigaretten, empfehlen aber im selben Atemzug

nikotinhaltige Arzneimittel zur Raucherentwöhnung. Das Motiv für diese offensichtlich

widersprüchliche Einschätzung möchte ich hier nicht diskutieren.

Restrisiko

E-Zigaretten sind Genussmittel und daher grundsätzlich nicht "gesund". Als Genussmittel dürfen

sie sogar schädlich sein, wie das auch bei Kaffee oder alkoholischen Getränken der Fall ist.

Entscheidend ist der Vergleich mit der Schädlichkeit von Tabakzigaretten. Die staatliche

Gesundheitsbehörde von Großbritannien Public Health England hat unter Mitwirkung zahlreicher

internationaler Experten das Restrisiko von E-Zigaretten abgeschätzt und ist dabei zur

 

Schlussfolgerung gelangt, dass diese mindestens (!) 95 % weniger schädlich sind als Tabak-

zigaretten. Tatsächlich dürfte das Restrisiko aber noch deutlich geringer als 5 % sein, für potentiell

 

tödliche Erkrankungen wie Krebs oder COPD ist es wahrscheinlich sehr nahe bei 0 %, da die

bekannten Verursacher dieser Erkrankungen im Dampf nicht nachweisbar oder nur in Spuren

enthalten sind.

Gesundheitliche Verbesserungen

 

Sowohl publizierte Studien als auch zahlreiche Umfragen und Berichte von dampfenden Ex-

Rauchern zeigen, dass der Umstieg auf E-Zigaretten die selben gesundheitlichen Verbesserungen

 

bewirkt wie ein Rauchstopp. Der typische Raucherhusten verschwindet innerhalb weniger

Wochen, die Infektionsanfälligkeit nimmt massiv ab und die Kondition verbessert sich. Eine

der schwersten Folgen des Rauchens ist COPD, eine irreversible chronische Lungenerkrankung,

die mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität einhergeht. Studien und Berichte

von Betroffenen zeigen zweifelsfrei, dass das Fortschreiten der Erkrankung durch den Umstieg

auf E-Zigaretten ähnlich effizient verhindert wird wie durch völligen Verzicht.

Schadensminimierung

Unter Wissenschaftlern besteht weltweit Einigkeit, dass der Umstieg auf E-Zigaretten eine massive

Reduktion des Gesundheitsrisikos von Rauchern zur Folge hat. Viele Gesundheitsexperten lehnen

allerdings das Prinzip der Schadensminimierung ab und halten nur Abstinenz für erstrebenswert.

 

Eine ähnliche Diskussion hat in der Vergangenheit über Nadelaustauschprogramme für Heroin-

abhängige oder AIDS-Prophylaxe mittels Kondomen stattgefunden. Keinen Sex zu haben

 

ist definitiv noch sicherer als Sex mit Kondomen. Offenbar ist aber völlige Abstinenz für eine

Mehrheit der Menschen keine realistische Alternative.

 

Schädigung Dritter ("Passivdampfen")

Messungen des von E-Zigaretten erzeugten Dampfs, der Ausatemluft von Nutzern und der

Belastung "bedampfter" Räume zeigen einhellig, dass die Emission potentieller Schadstoffe weit

unter den anerkannten Grenzwerten für Luftgüte und oft unter dem Nachweislimit der analytischen

Methoden liegt. Daher ist die Schädigung von im selben Raum anwesenden, nicht dampfenden

Personen auszuschließen und Anwendung von Nichtraucherschutzgesetzen auf das Dampfen

sachlich nicht gerechtfertigt. Störungen der Befindlichkeit Dritter können nicht Grundlage für

gesetzliche Regelungen sein. Allerdings ist der rücksichtsvolle und zurückhaltende Gebrauch von

E-Zigaretten meines Erachtens ein Gebot der Höflichkeit anderen gegenüber.

In den Medien liest und hört man regelmäßig, E-Zigaretten würden die Umgebungsluft mit

"Feinstaub" belasten. Feinstaub umfasst sowohl die nachweislich schädlichen festen Partikel im

Verbrennungsrauch (Zigaretten, Dieselmotoren, Industrieabgase usw.) als auch völlig harmlose

 

Flüssigkeitströpfchen im Nebel, der von E-Zigaretten ebenso erzeugt wird wie von Asthma-

inhalatoren und den man bei Spaziergängen an nebeligen Novembertagen inhaliert. Die Warnung

 

vor dem Feinstaub aus E-Zigaretten ist daher als Irreführung der Bevölkerung zu werten.

 

Empfehlung

Zusammenfassend empfehle ich Rauchern den Umstieg auf E-Zigaretten, womöglich nach

Beratung in einem Fachgeschäft ("Dampfshop"). Der Umstieg auf das Dampfen sollte nicht als

Raucherentwöhnung interpretiert werden, ein Wort das umgehend Versagensängste und Aversion

auslöst, sondern als Umstieg auf eine um Größenordnungen weniger schädliche Alternative zu

Tabakzigaretten.

 

Graz, am 3. Mai 2017

 

lnteressenskonflikte

Im Rahmen meiner Funktion als Inhaber des Lehrstuhls für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Graz habe

ich in der Vergangenheit als Dienstleistungen honorierte pharmakologisch/toxikologische Fachgutachten für die

pharmazeutische Industrie und Hersteller von E-Zigaretten und Liquids erstellt. Von den Auftraggebern bin ich finanziell und

ideell unabhängig und stehe in keinem Naheverhältnis zur Industrie.

Als ehemaliger starker Raucher, der vor mehr als 5 Jahren mithilfe von E-Zigaretten schmerzlos mit dem Rauchen

aufgehört und die gesundheitlichen Vorteile am eigenen Leib verspürt hat, könnte man mir persönliche Befangenheit

unterstellen. Meine Aussagen sind allerdings durch (englischsprachige) Publikationen in Fachzeitschriften belegt.

Referenzen zu diesen Studien stelle ich bei Interesse gerne zur Verfügung.